Unsere Geschichte

Viele Universitäten des Mittelalters waren nicht nach Studienfächern gegliedert, sondern eben nach den jeweiligen "nationes", den Herkunftsländern der Studenten. Die Mitgliedschaft war verpflichtend. In ihnen lebten die Adligen und, zunehmend mit der Emanzipation des Bürgertums am Ausgang des Mittelalters, auch die bürgerlichen Studenten einer Region zusammen. Wesentliche Aufgabe dieser Zusammenschlüsse war die gegenseitige Unterstützung der Landsleute in der Fremde. Von den Studentenwohnhäusern (in Mainz z.B. "Hof zum Gutenberg") den sogenannten "Bursen", leitete sich im 17. Jahrhundert der Name "Bursche" ab.  So entwickelten sich aus dem Drang zur Gruppenbildung heraus ("Schutz- und Trutzbund") die eigentlichen studentischen "nationes".  Sie genossen als Privilegien Steuerfreiheit, Schutz vor Polizei, Befreiung vom Wehrdienst, eigene Gerichtsbarkeit, sowie das Recht, eine Waffe zu tragen. Die Mitgliedschaft blieb auf die Studienzeit beschränkt. Mit wachsender Studentenzahl und mit zunehmenden Einfluß der Studenten gegenüber den strengen Regeln und Vorschriften der Bursen ("Bursenzwang"), teilten sich die "nationes" in Untergruppen auf, die sogenannten alten Landsmannschaften, die jedoch oft despotisch geführt wurden und deren Mitgliedschaft mit der Exmatrikulation erlosch.  Diese prägten das Studentenleben des 17. und 18. Jahrhunderts. Es entwickelte sich die Einteilung der Mitglieder in Fuchs, Bursch, Alter Bursch und "Bemoostes Haupt" sowie die Zusammenkunft in Kneipen und Dorfschenken zum Feiern oder zu Fechtübungen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden aus den alten Landsmannschaften in Anlehnung an die Freimaurerlogen die studentischen Orden. Sie wählten ihre Mitglieder nach Eignung aus, ohne landsmannschaftliche oder soziale Herkunft zu berücksichtigen.  Die bedeutendsten Orden waren die Amicisten, Constatisten, Harmonisten und Unitisten.  Diese Orden wollten ein Freundeskreis auf Lebenszeit sein. Es entstanden studentische Siegel und Zirkel in Anlehnung an die Geheimzeichen der Orden und Logen und dienten als Erkennungszeichen.  Der absolutistische Staat sah durch diese Verbindungen, die ein eigenes Standesbewußtsein vertraten, seine Autorität bedroht.  Er verfolgte sie als Geheimbünde und rottete sie fast ganz aus. Aber ihre Ideen beeinflußten die späteren Studentenverbindungen nachhaltig.

Die ersten Corps traten dann unter dem Einfluß des Gedankenguts der deutschen Klassik und der "Sturm- und Drang - Zeit" (Goethe, Schiller) sowie des deutschen Idealismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Verbindungen auf (1789 Guestphalia Halle, 1798 Onoldia Erlangen), die auch von ihren Mitgliedern Bildung und Vervollkommnung in wissenschaftlicher und moralischer Beziehung verlangten.  Von den Orden übernahmen sie die Idee des auf Lebenszeit geschlossenen Freundesbundes, von den Landsmannschaften zunächst die auch im Namen angesprochene gemeinsame landsmannschaftliche Herkunft (Bavaria, Franconia, Saxonia, Hassia etc.). Damit war das heute gemeinsame Prinzip, nämlich das Lebensbundprinzip und das Conventsprinzip (demokratisch verfaßt) zuerst bei den Corps verwirklicht. Auch die Corps wurden um 1800 von der Obrigkeit verfolgt.  So suchten die Studenten der damaligen Zeit nach einem Tarnnamen für ihre Verbindungen und fanden ihn in dem Wort "Corps" was eine damals für alle möglichen Personengruppen übliche Bezeichnung war ("Corps der Damen, Corps der Diplomaten" etc.). Um 1810 tauchte das Wort "Corps" als Bezeichnung für "alte Landsmannschaft" in Heidelberg auf.  Es setzte sich in der Folgezeit in ganz Deutschland schnell durch.

Die Corps schrieben von 1800 bis 1810 studentische Bräuche als zwingend für die Studentenschaft fest ("Comment").  Sie schlossen sich in Dachverbänden zusammen und beanspruchten die Gerichtsbarkeit über alle Studenten einer Universität. Der Dachverband überwachte die Einhaltung des Comments und vertrat die Studentenschaft vielfach gegenüber Behörden und Bürgern.

Das Verbot der Burschenschaften durch Metternich in den Karlsbader Beschlüssen von 1819 traf auch die Corps. Anlaß war, daß der Burschenschafter Karl Ludwig Sand den reaktionären russischen Staatsrat und Journalisten August von Kotzebue erstach. In der Folgezeit lösten sich die Phasen stillschweigender Duldung und scharfer Verfolgung durch Universität und Behörden ab. In der Zeit von 1815 bis 1848 hatten die Corps durch Konkurrenzgründungen teilweise auch große personelle Probleme.  Auch die Corpsgeschichte unserer lieben Hassia dokumentiert dies eindrucksvoll.  So mußte sich die Hassia 1843 mit der ein Jahr zuvor gegründeten Markomannia Gießen vereinigen. Nach 1848 erlebten die Corps einen starken Aufschwung. Es entstanden die großen corpsstudentischen Verbände: 1848 als Verband der Corps an den Universitäten der Kösener Senioren Conventsverband (KSCV), benannt nach dem ursprünglichen Tagungsort Bad Kösen an der Saale; 1863 der Weinheimer Senioren-Convent (WSC) als Verband der Corps an Technischen Hochschulen, benannt nach seinem Tagungsort Weinheim an der Bergstraße.

Im Kaiserreich erfuhren die Corps weite gesellschaftliche Anerkennung. In der Gründerzeit und wilhelminische Ära durchlebten die Corps erneut eine Krise.  Zum einen drohte die katholische Kirche im sogenannten Kulturkampf allen katholischen Waffenstudenten die Exkommunikation an ("Mensura est praeparatio duellam"). Dies führte zur Gründung und Begünstigung der katholischen Studentenverbindungen (CV, KV ). Zum anderen neigte man dazu, die Repräsentation zu Übertreiben. Karikaturen im Simplicissimus und des Neuteutonen Diederich Heßling in Heinrich Manns "Der Untertan" waren die Folge.  Der Komment wurde immer bürokratischer, die Überheblichkeit anderen Waffenstudenten gegenüber wuchs, was zu unzähligen Auseinandersetzungen führte, sogar innerhalb der Dachverbände. Hinzu kamen finanzielle Probleme. So wurde das Interesse vieler "Ehemaliger" geweckt. Man gründete den ersten Verein Alter Corpsstudenten (VAC).  Mit den finanziellen Mitteln der Alten Herren konnten in der Folge viele stolze Corpshäuser gebaut werden. In der Weimarer Republik erlebten die Corps den stärksten Zulauf seit ihrer Gründung.  Der aufkommende Nationalsozialismus jedoch offenbarte unlösbare Konflikte zwischen dem demokratischen Selbstverständis und Aufbau der Corps und dem totalitären System. Auf dem ordentlichen Kösener Congress von 1933 mußte der KSCV und der VAC unter dem Druck der Machthaber und ihrer angestrebten Gleichschaltungsideologie annehmen.  Von oben herab folgte 1934 der Aufbau von Kameradschaften als Gliederungen des Nationalsozialistischen Studentenbund (NSDSTB) und im September 1935 der "Arierparagraph", demzufolge die jüdischen Corpsbrüder ausgeschlossen werden sollten.  in den Corps erwuchs die Losung: "Kein Corpsstudent in der SA!".
Unter dem Druck dieser Repressalien hatten sich viele Corps freiwillig zur Suspension entschlossen, der Rest folgte in den nächsten Monaten nach, um der zwangsweise Verschmelzung mit der Deutschen Burschenschaft und dem NSDSTB zu entgehen. Im Oktober 1935 wurde der KSCV zwangsaufgelöst.  Vielerorts wurde trotzdem die Tradition der Corps durch heimliches Treffen der Corpsbrüder fortgeführt. Sogar Bestimmungsmensuren wurden unter größter Geheimhaltung gefochten.

Ehrlicherweise sollte hier erwähnt werden, auch innerhalb der Corps kontrovers über Zustimmung oder Ablehnung von Maßnahmen der NS-Führung diskutiert wurde.  So gab es im Mai 1937 ebenso die Verhaftung und KZ-Deportation von 25 Studentischen Verbandsführern, wie auch in der Folgezeit die Parteikarriere von Corporierten. Der Widerstandsbewegung vom 20.  Juli 1944 gehörten vor allem auch Corpsstudenten an.  Stellvertretend für alle seien Ulrich von Hassell - Sueviae Tübingen, Graf von der Schulenburg - Saxoniae Göttingen und Graf Yorck von Wartenburg - Borussiae Bonn genannt. Alle wurden 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet.

2. Was wollen Corps? - Sinn, Ziele und Ideale des Corpsstudententums

Die Frage "was wollen wir Corps" bewegt vor allem die jüngeren Corpsbrüder immer wieder.  Anhand dieses Abschnittes soll deshalb versucht werden, Ziele, Geist und Ideale des Corpsstudententums aufzuzeigen, die seit 200 Jahren gewachsen sind, die unverändert gelten und denen wir uns verpflichtet fühlen. Dabei sollen auch die besonderen Anliegen und Eigenarten unserer lieben Hassia berücksichtigt werden.

Im § 1 der Kösener Statutenordnung finden wir folgenden Satz, der in etwa dieser Form in allen Konstitutionen der Corps wiederzufinden ist:

"Das Corps ist eine Vereinigung immatrikulierter Studenten mit dem Zweck, die Mitglieder in aufrichtiger Freundschaft auf Lebenszeit zu verbinden und - ohne Beeinflussung ihrer politischen, religiösen und wissenschaftlichen Richtung - zu Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, tatkräftigen, pflichttreuen Persönlichkeiten zu erziehen". Die Toleranz ist ein fundamentales corpsstudentisches Prinzip. Sie ist als Säule in jeder Corpskonstitution verankert und besagt, daß jegliche politische, religiöse und weltanschauliche Tendenzen dem Corps fernbleiben. Corpsbrüder, so fordert sie, dürfen nicht nach diesen Kriterien beurteilt werden.  Ebenso sind nur Charakter, Persönlichkeit und andere menschliche Eigenschaften für die Aufnahme in das Corps ausschlaggebend.

Keineswegs darf jedoch diese Toleranz mit der Forderung nach passiver, gleichgültiger Einstellung des Corpsstudenten innerhalb und außerhalb des Corps verwechselt werden.  Das Corps verlangt vielmehr von ihm ein engagiertes Eintreten für die eigene Meinung sowie Zivilcourage in jeder Lebenssituation. Der Corpsstudent sollte ein Leben lang diesem Ideal der Toleranz nacheifern und die Achtung dem Andersdenkenden niemals versagen. Im Corps hat er den Vorteil, diese Toleranz im Gedankenaustausch mit andersdenkenden Corpsbrüdern verschiedener Generationen ständig neu zu erleben oder selbst zu üben. Oft wird dabei seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Ein Corps muß trotzdem geistige Heimat vieler Anschauungen sein, um fruchtbare Diskussionen zu ermöglichen. Hier erwächst ein Forum des Wettstreits der Meinungen, das jedem einzelnen Corpsbruder eine Erweiterung des eigenen Horizontes ermöglichen wird. So lebten die Corps immer getreu dem Grundsatz:

"Offenheit nach außen, Geschlossenheit nach innen"!

Durch die praktizierte Toleranz ist das Leben im Corps ein getreues Spiegelbild des Lebens in einer demokratischen Gesellschaft und darum eine ausgezeichnete Schulung für das verantwortliche Wirken in demokratisch organisierten Zusammenschlüssen jeder Art. "Leitsterne unserer Erziehung sind Ehre und Haltung!" So unser Corpsbruder Prof. Dr. Dr. Karl Engisch in seiner vielbeachteten Rede anläßlich des akademischen Festaktes zum oKC 1955 in Würzburg.
Dabei geht es uns Corpsstudenten heute um die Pflege des Ehrengedankens, nicht um eine corps- oder waffenstudentische Sonderehre.  Ehre und Würde des Menschen sind Werte, die in unseren Konstitutionen einen zentralen Rang einnehmen.  Sie weisen uns deutlich den Weg zurück zu der Entstehung der Corps an der Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts. Hier lebten die geistigen Väter des Corpsstudententums im deutschen Idealismus und der deutschen Klassik. Die Schriften von Goethe, Schiller, Hölderlin, Kant, Herder und Fichte über die Humanität und Würde des Menschen beeinflußten natürlich stark die Stifter der Corps und fanden somit Eingang in die Konstitutionen.  Im Gedanken an diese Geisteshaltung will der Corpsstudent dafür Sorge tragen, daß die eigene, wie auch die fremde Ehre und Würde geachtet werden und sie vor äußeren und inneren Anfeindungen schützen. Die Pflege und Aufrechterhaltung des Ehrgedankens ist damit eine der wichtigsten Anliegen und Aufgaben der Corpserziehung, denn wir wissen, daß dem Menschen Freiheit, Besitz und Geld genommen werden können, die eigene Ehre jedoch nur durch eigenes Verschulden. Laut unserer Konstitution hat sich jeder Corpsbruder allen Ehrenangelegenheiten, die im Interesse des Corps liegen mit Bereitwilligkeit zu unterziehen. Das Corps war und ist immer Stätte der gegenseitigem Erziehung in der Gemeinschaft zur Gemeinschaft.  Gegenseitig will dabei meinen, daß Jung und Alt voneinander lernen können und umgekehrt. Gelegenheiten zum regen Gedankenaustausch nicht zuletzt auch zwischen den Generationen bestehen bei uns immer. Der aufrichtige Wille nicht nur zum Kennenlernen, sondern auch zum Zuhören, heute überall so schmerzlich vermißt, ist bei uns erfahrbar und macht die Corpsgemeinschaft für uns so unersetzlich.

Sie formt Persönlichkeit und Charakter. Im Mittelpunkt des corpsstudentischen Erziehungsdenkens steht dabei das ernste Streben nach Persönlichkeitsbildung und das Formen eines charaktervollen, aufrechten Menschen. Corpsstudentische Lebensauffassung ist also der Inbegriff der inneren Haltung, die sich nicht nur auf der Hochschule, sondern ein ganzes Leben hindurch immer wieder zu bewähren hat. Fruchtbar ist in dieser Hinsicht im alltäglichen Corpsbetrieb die innere Auseinandersetzung zwischen dem Freiheitsdrang des Individuums und der Bindung an die Erfordernisse der Gemeinschaft (z.B. pünktlicher, exakter Corpsbetrieb erzieht zu Pflichttreue).  So werden Urteilsvermögen und Gewissen geschärft und die Ausbildung eines Verantwortungsbewußtseins für die selbstgewählte Gemeinschaft gefördert. Die corpsbrüderliche Verbundenheit meint uneigennützigen und aufopferungsvollen Beistand jedem Corpsbruder gegenüber nach unserem Wahlspruch "Einer für alle - alle für einen!".

Hierin unterscheidet sie sich von Freundschaft, da jene meist Sache der Sympathie ist, die Corpsbrüderlichkeit aber eine Sache der Verpflichtung gegenüber jedem Träger unseres Brustbandes, unabhängig davon, ob er einem in Persönlichkeit und Charakter ähnlich ist oder nicht. In der gedanklichen Auseinandersetzung und dem Umgang mit seinen Corpsbrüdern, die das junge Mitglied sich nicht nur nach seinem Geschmack auserkoren hat, sondern die ihm oft zufällig im Corps begegnen und auf den ersten Blick fremd sind, bildet er seinen Charakter und weitet seinen Horizont. Denn oft ist es so, daß die tiefe Sehnsucht nach Freundschaft und verläßlicher Treue junge Studenten mitunter ganz verschiedenen Wesens und divergenter Interessen im Corps zusammenführt.  Diese "aktive" Freundschaft wächst in unvergeßlichen Stunden der gemeinsamen Studentenzeit und hier vor allem in der Geselligkeit. Sie verbindet uns, vom jüngsten Fuchsen bis zum ältesten Alten Herren, und äußert sich im selbstverständlichen "Du" einem jeden Mitglied gegenüber. Vor allem aber fordert sie von jedem verläßliche Hilfe und Einsatzbereitschaft für den Corpsbruder - ein Leben lang! Sie ist damit eine ungeheure ethische Aufgabe. Besonders in Zeiten der Not hat sich diese unverbrüchliche Treue immer wieder bewährt